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CDU Bad Salzuflen - Diskussion zum Thema Inklusion
Vom: 09.04.2014

Inklusion! Gut Gemeint, doch schlecht gemacht.

„Inklusion ist ein System, das wir leben müssen – von der Geburt bis zum Tod“. Das Statement von Ina Schnarrenbach (MdL) auf der CDU Lippe-Veranstaltung „Inklusion! Gut gemeint, aber schlecht gemacht“ war eindeutig. Auch Walter Kern (MdL), an diesem Abend als Gast in den Besucherreihen und durch eine Schwester mit Behinderung persönlich in das Thema involviert, erklärte: „Jeder will die Inklusion. Es gibt keine Alternativen zu diesem Modell“.

Inklusion 

Referentin Ina Scharrenbach (MdL): „Von alleine läuft das System nicht“.

Gleichzeitig zeigte die rege Diskussion im Anschluss an den Vortrag, dass es auch im mit Politikern, Pädagogen und Erzieherinnen qualifiziert besetzten Publikum noch reichlich Fragen zum Thema gibt. Wenige Wochen vor dem Stichtag 1. August 2014, an dem das 2010 von der rot-grünen NRW-Landesregierung beschlossene  Inklusionsgesetz in Kraft tritt, gibt es noch „Unsicherheiten auf allen Seiten“, so Volker Heuwinkel, Stadtverbandsvorsitzender der CDU Bad Salzuflen.

Vorab beantwortete die Politikerin die grundsätzliche Frage: Was ändert sich am 1. August 2014? Dazu Referentin Ina Schnarrenbach: „Ab diesem Tag haben Kinder und Jugendliche mit Behinderung einen Rechtsanspruch auf den Besuch einer Regelschule“.

Scharrenbach führte in ihrem fachlich fundierten Vortrag aus, dass es in Deutschland sieben Unterstützungsbedarfe in den Bereichen Lern-, Sprachbehinderung, körperliche und geistige Behinderung, emotional-soziale Entwicklung und Sinnesstörung gibt.

Sofort ergab sich die zweite Frage: Wer zahlt die Baukosten und die Personalkosten? Die Kommunen als Schulträger forderten einen Finanzausgleich. Gewährt werden 175 Millionen Euro. Scharrenbach: „25 Millionen werden in den nächsten fünf Jahren pro Jahr pauschal über das Land verteilt. Pro Jahr stünden damit rund 4.350 Euro pro Schule zur Verfügung, um sämtliche Investitionskosten sowie Kosten für spezielle Lehr- und Lernmittel zu decken. Jeweils 10 Millionen pro Jahr werden für dieselbe Zeit für Personalmehrkosten, beispielsweise für Schulsozialarbeiter, kalkuliert. Das sind gerade einmal 200 Stellen landesweit. Das macht deutlich, dass es hinten und vorne nicht reichen wird."

Die nächste Frage: Wer soll die zusätzliche Arbeit leisten? Dazu Scharrenbach: „Die Eckdaten des Landes zur Personaldecke liegen noch nicht vor“. Auch die in diese Richtung zielende Frage von Jörg Thelaner (CDU Detmold), welche Qualitätsstandards es für die künftigen Integrationshelfer gäbe, beantwortete Scharrenbach zum Erstaunen vieler Zuhörer mit: „Keine“. Der Grund: Wer Qualitätsstandards für die Integrationshelfer aufstelle, müsse auch für die Ausbildung dieser Kräfte zahlen. Die Aufgabe eines Integrationshelfers sei es lediglich, dem Kind mit Förderbedarf den Besuch der Schule zu ermöglichen. Scharrenbach: „Integrationshelfer sind weder Lehrer noch Erzieher, sondern vielmehr eine Art Pate für das Kind“.

Weil es kurz vor Umsetzung des Inklusionsgesetzes „Unsicherheiten auf allen Seiten“, so Scharrenbach, gäbe, plädiert die CDU-Politikerin für den Erhalt von Förderschulen, um Eltern ein Wahlangebot in einer Übergangszeit zu gewährleisten. Problematisch zeige sich jedoch die Mindestgrößenverordnung, die einen gewissen Mindest-Schülerbestand zum Fortbestehen einer Schule fordert. Hier erging ihr Appell an die Kommunalpolitik, sich mit Nachbarstädten und Kreisen abzustimmen, um gemeinsam Förderschulen zu erhalten.

Ein wichtiger Aspekt ist für die Politikerin die deutlich niedrigere Schüler/Lehrer-Relation, die in Förderschulen 1:11 und bei sozial-emotionaler Entwicklungsstörung sogar 1:5 betrage. Für die werde ein einheitlicher Schüler/Lehrer-Schlüssel von 1:10 angestrebt. Scharrenbach: „Es wird immer Kinder geben, die in 26er-Schulklassen-Systemen nicht zurecht kommen“.

Die Frage einer Besucherin „Ist die Integration in das Leistungssystem Schule nicht ein einziger Frustrations-Lauf für die Kinder“ beantwortete Scharrenbach mit einem Vergleich Kindergarten-Schule. „Neunzig Prozent der Kinder mit Behinderung sind in deutschen Kindergärten erfolgreich integriert“. Gleichwohl bedeutet diese Integration, so Besucherin Monika Kunze, Leiterin der KiTa „MixMax“ in Bad Salzuflen „jedes Mal einen Jonglage-Akt. Was Montessori-Förderkindergärten im Tagesgeschäft erledigen, müssen wir uns mühsam erarbeiten“.

Kritik gab es seitens Scharrenbach an der aus ihrer Sicht zeitverzögerten Feststellung des Förderbedarfs in der Schule im dritten Jahr: „Das sollte im Vorfeld passieren. Die 3-Jahres Regelung geht nach Meinung der CDU am Kind vorbei“.

Ein von den Besuchern angesprochenes weiteres Problem ist der seit Jahren bekannte Mangel an ausgebildeten Sonderpädagogen. Dazu Scharrenbach: „Die Politik hat hier reagiert. Ausbildungskapazitäten werden geschaffen. Außerdem startete am 1. Februar 2013 eine 18monatige Fortbildungsmöglichkeit für Lehrkräfte. Bis 2018 werden 2.500 Ausbildungsplätze geschaffen“. 

Als positives Beispiel für gelungene Inklusion nannten Ina Scharrenbach und Walter Kern das Land Südtirol. Hier gibt es bereits seit 1977 ein Inklusions-Schulsystem. Gleichwohl ist dort immer noch nicht das Problem gelöst, das eine Besucherin mit folgender Frage beschrieb: „Was passiert mit den Förderschülern nach der Schule? Wie wird der Übergang in den Arbeitsmarkt gestaltet? Gibt es einen öffentlichen Beschäftigungsfaktor?“ Dazu Walter Kern: „Wir arbeiten an dem möglichen Anschluss“ und Ina Scharrenbach: „Spätestens zum 31.Juli 2024, wenn die ersten Inklusions-Jahrgänge die Schulen verlassen, müssen wir als Politik eine Lösung haben“. 

InklusionGesamtbild

Referentin und Gastgeber (v.li.) Kerstin Vieregge (CDU-Kreisvorsitzende), Referentin Ina Scharrenbach (MdL) und Volker Heuwinkel (Vorsitzender CDU Bad Salzuflen).

Fazit: Die Zeit drängt. Es gibt noch Herausforderungen. Eltern, KiTas, Schulen und die betroffenen Kinder und Jugendlichen selbst benötigen Hilfe und Unterstützung. Dazu Scharrenbach: „Ich plädiere seit Jahren für eine Verzahnung der Systeme. Die funktioniert aber bislang noch nicht“.

Kreisvorsitzende; Kerstin Vieregge, Moderatorin des Abends, fasste zusammen: Leben lässt sich nicht wiederholen. Es ist ein unhaltbarer Zustand, wie hier auf dem Rücken der Kinder experimentiert wird.

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