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CDU Extertal: Volles Haus beim Vortrag über Medizinethik
Vom: 22.05.2014

Medizinische Möglichkeiten und der Patientenwille

Extertal. Vor hundert Jahren ging es noch anders zu – in der Welt der Medizin. Der Arzt entschied uneingeschränkt über die Behandlung eines Kranken. Heute sagen Patienten immer öfter: „Mein Wille geschehe“. Im gleichnamigen Vortrag erläuterte der Mediziner Prof. Dr. Fred Salomon auf Einladung des CDU Gemeindeverbandes die unterschiedlichen Möglichkeiten dieser Willensäußerung.

Salomon, Prof. Fred

CDU-Gemeindeverbandsvorsitzende Claudia Meier (li.) und Referent Prof. Dr. Fred Salomon aus Lemgo freuen sich über das große Interesse am Vortrag zum Thema „Mein Wille geschehe – Medizin Ethik“.

Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht – „wer von Ihnen hat bereits eine dieser Vorausverfügungen getroffen“, fragte Salomon einleitend sein Publikum im voll besetzten Saal des Gemeindeshauses der ev.-ref. Kirche in Bösingfeld. Bei rund zehn Prozent der Zuhörer ging die Hand hoch. „Wer hat bereits drüber nachgedacht“, fragte Salomon weiter. Das Ergebnis: für alle Zuhörer waren Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung ein Thema.

Zu Beginn seines rund 90minütigen Vortrags klärte der Mediziner über eine verblüffende Tatsache auf. „Jeder Eingriff eines Arztes ist streng genommen Körperverletzung“, so Salomon. Eine ärztliche Maßnahme bedarf grundsätzlich der Einwilligung des Patienten, die jedoch nicht schriftlich vorliegen müsse. Eine Geste genüge. „Wenn Sie zum Blutdruckmessen Ihren Arm ausstrecken, ist das Ihre Einwilligung“, so der Mediziner.

Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht

Zum Thema Patientenverfügung erklärte Salomon: „So lange jemand klar und differenziert sprechen kann, braucht er keine Patientenverfügung“. Aber was passiert, wenn dies nicht mehr gegeben ist – entweder nach langer Krankheit oder plötzlicher Verschlechterung des Gesundheitszustands?

Dann greifen die sogenannten „Vorausverfügungen“, die sowohl in mündlicher Form gegenüber dem Arzt oder  Angehörigen als auch in schriftlicher Form als Patientenverfügung vorliegen können. „So möchte ich nicht enden“. Diese allgemeine Aussage, oft gehört in mündlicher Form, zog im Falle einer künstlichen Ernährung einer älteren Frau, deren Tochter die Sonde entfernte, endlose Gerichtsverfahren nach sich – bis hin zu einem abschließenden Urteil des Bundesgerichtshofes.

Eine solch lange Unklarheit, die auch den behandelnden Ärzten die Arbeit am Patienten erschwert, kann vermieden werden durch Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht. Wie eine Patientenverfügung nach der neuen Definition aus dem Jahr 2009 auszusehen hat, erklärte Salomon so: „Sie muss schriftlich abgefasst sein. Der Verfasser muss volljährig sein. Ein Jugendlicher kann keine Patientenverfügung erlassen. Der Verfasser muss einwilligungsfähig, also im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, sein. Außerdem muss sich die Patientenverfügung auf eine konkrete Krankheit beziehen und das ist wohl das schwierigste“. Der Allgemeinpart „ich möchte nicht an Geräte angeschlossen werden“, ist wenig hilfreich. Die gute Nachricht: die Patientenverfügung muss nicht regelmäßig mit neuer Unterschrift versehen werden oder notariell beglaubigt sein.

Eine Patientenverfügung greift seit Novellierung in 2009 nicht nur in einem  unumkehrbaren Sterbeprozess, sondern auch, wenn ein dauerhaft schlechter, aber stabiler Zustand gegeben ist. „Eine begonnene Behandlung zu stoppen, ist nun rechtlich erlaubt und ethisch korrekt“, konnte Salomon eine Besucherin beruhigen, deren Sorge „einmal an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, gibt es kein Zurück“ der Mediziner entkräften konnte.

Neben der Patientenverfügung gibt es die Vorsorgevollmacht. „Die ist meiner Meinung nach noch wichtiger und der erste Schritt“, erklärte Salomon. In der Vollsorgevollmacht wird schriftlich ein Mensch bestimmt, der im Namen des Patienten sprechen und Entscheidungen treffen kann, wenn dieser es nicht mehr selbst vermag. Die Person des Vertrauens sollte selbstverständlich über die Vollmacht informiert sein. Idealerweise ist sie gut erreichbar. Geeignete Personen für Alleinstehende seien der Hausarzt, der Pfarrer der Gemeinde, Nachbarn oder Freunde. Sollten zwei Personen eingesetzt werden, ist entweder ein Vorrang zu definieren oder der Hinweis, dass beide Personen sich auf eine Entscheidung einigen müssen. Salomon: „Eine Vorsorgevollmacht sollte schriftlich abgefasst werden. Dies kann formlos erfolgen.  Wenn sie nur den gesundheitlichen und nicht den finanziellen Bereich betrifft, kann auf einen Notar verzichtet werden“. Wichtig sei jedoch der Vermerk: die Entscheidung des Bevollmächtigten soll Gültigkeit haben auch, wenn dies zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes oder zum Tod führt.

Wenn ein Patient weder Patientenverfügung noch Vorsorgevollmacht hat und seinen Willen nicht mehr äußern kann, so ist sein mutmaßlicher Wille in Erfahrung zu bringen. „Dann wird gefragt, ob es religiöse oder psychische Gründe für die Beendigung oder Fortsetzung oder den Beginn einer Behandlung gibt“, so Salomon. Ist auch dies nicht durch Befragung von Bekannten oder Familienmitgliedern in Erfahrung zu bringen, dann gelte – so Salomon – als letzte Instanz das Wohl des Patienten.

Zur Person:

Prof. Dr. Fred Salomon, ehemals Mediziner in der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am Klinikum Lippe-Lemgo ist Vorstandsmitglied der AEM, Akademie für Ethik in der Medizin. Er war 1990 der erste Arzt in Deutschland, der für das Fach Ethik in der Medizin habilitiert wurde. Vor Studienbeginn stellt er sich die Frage nach dem geeigneten Studienfach: Medizin oder Religion? Er entschied sich für Medizin. Sein Credo: „Mein Ziel war, die Patienten durch meine klinische Arbeit gut zu versorgen und mit Kranken, deren Angehörigen sowie Mitarbeitenden zugewandt und menschlich umzugehen und diese Ziele auch anderen in meinem Arbeitsumfeld nahezubringen“.

Mehr Infos unter www.aem-online.de

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